Antrieb

Verwandlung Heilung Revolution sprach sich in meinem Traum wie ein einziges Wort – als sei es ein und dieselbe Sache
 
Die Kunst hatte für mich immer etwas von einem Selbstexperiment, von einer Suche, aber auch und vor allem von einem Spiel, das ich spiele nach den Regeln, die ich bestimme. Da ich als Kind nicht gern spielte, war schon allein diese Komponente für mich heilsam.
 
Die meiste Zeit meines Studiums habe ich in der Radierwerkstatt der Universität verbracht, wo ich herrlich alles Druckbare testen konnte. Das Material und die Themen hat mir dabei immer das Leben selbst geliefert: Reis, Brot, das Alltägliche, gefundene Metallstücken oder Schuhsohlen, ich selbst immer wieder, fusseliger Strick, schließlich Haare und die Heilung.
 
Haarstrukturen haben mich fasziniert und ich habe sie gezeichnet, als Kaltnadel- oder Ätzradierungen gedruckt. Schwierige persönliche Umstände und die eigene dringende Notwendigkeit, inneren Frieden zu finden, brachten das Thema der Heilung mit sich. Dahinter stand das große Bedürfnis klar, verantwortungsvoll, handlungsfähig und vor allem voller Freude im Leben zu stehen. Daraus entwickelte ich das Konzept für mein Diplom unter dem Thema „Körperbehaarung und Heilung“, woraus in vier Teilen die Arbeit „Lassen“ entstand. Ich bearbeitete verschiedene Aspekte, die für mich zu einem seelisch gesunden Stand im Leben gehören.
 
In der Hauptarbeit ging es darum zu lernen, im eigenen Körper anwesend, zu Hause zu sein, um Selbstheilung durch die Annahme dessen, was ist. Es ging um das Spüren und Wahrnehmen. Dabei begriff ich mich selbst als Beispiel, wie ein wissenschaftliches Objekt. Ich wollte an mir ein Exempel statuieren und den Menschen zeigen, was möglich ist. In einem 192 Tage dauernden Prozess entstanden Ätzradierungen und Texte.
 
Bis heute ist das Thema der Heilung in meiner Arbeit als Schwerpunkt geblieben, es ist eine Absicht, mit der ich in die Welt gehe, und ein Antrieb für mein künstlerisches Schaffen. Es gibt meiner Arbeit den für mich einzig sinnvollen Grund.


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Heilung ist für mich ein Prozess des Erkennens. Es ist ein Weg, auf dem man Stück um Stück in der Lage ist, krankhafte und krank machende Verhaltensweisen fallen zu lassen wie überflüssige Gepäckstücke. Es bedeutet für mich keine Heilung, wenn ein Mensch soweit hergestellt wird, dass er weiterhin oder wieder funktioniert, wie es gesellschaftlich von ihm erwartet wird und anerzogen wurde. Es bedeutet eher, dass er erkennt, was ihn tatsächlich ausmacht, was ihm entspricht und lernt, auf allen Ebenen gut für sich und sein Wohlergehen zu sorgen, wenn er spürt, was er braucht und danach handeln kann; und das im Frieden mit allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten.
 
Mir geht es um die Aktivierung der Selbstheilungskräfte auf seelischer und körperlicher Ebene, die Entwicklung eines Antriebes, das Erkennen einer Chance auf wirkliche Veränderung. Ich bin überzeugt davon, dass in jedem Menschen die Fähigkeit verborgen ist, wirklich froh und glücklich zu sein. Was ich mit meiner Arbeit anbieten möchte, ist eine Art Tor, ein Zugang.


 


Audio-Ausschnitte aus „192 Texte“